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23. Oktober 2019

Brähmer von Beginn an Chef im Ring

Schwerin

Es ist weit nach Mitternacht, als Jürgen Brähmer zur Pressekonferenz erscheint. Der 39-Jährige nimmt auf dem Podium Platz. Auf seiner rechten Wange klebt Blut, unter seinen Augen „blühen“ Veilchen, ein Pflaster unterhalb der rechten Augenbraue verdeckt einen Cut, der gleich nach dem Kampf mit zwei Stichen genäht wurde.

Sieger sehen eigentlich anders aus. Doch der Anblick täuscht. Brähmer trug zwar einige Beulen davon, doch der Schweriner meldete sich nach einjähriger Ringpause eindrucksvoll zurück. Er bezwang am späten Freitagabend im Viertelfinale der World Boxing Super Series (WBSS) um die Muhammad-Ali-Trophy den Amerikaner Rob Brant klar nach Punkten (119:109, 118:110, 116:112). Im Halbfinale im Februar trifft er auf den 1,91 Meter großen Briten Callum Smith, der in Schwerin am Ring saß. „Das ist eine schwere Aufgabe, aber jetzt bin ich wieder drin“, meinte der ins Supermittelgewicht zurückgekehrte Brähmer, der sich sogar den mit 8,5 Millionen Dollar versüßten Gewinn der Ali-Trophy zutraut.

„Ein bisschen was kommt noch. Das war noch nicht alles“, versprach Brähmer, der seinen WM-Titel vor einem Jahr verletzungsbedingt an den Waliser Nathan Cleverly verloren hatte. „So wollte ich nicht abtreten“, erklärte der gebürtige Stralsunder, der für seinen Sieg 1,4 Millionen Dollar kassierte.

Vor gut 4000 Zuschauern war Brähmer eindeutig Chef im Ring. Schnell schüttelte er den Ringrost ab, schlug variantenreich und wich den Attacken des zuvor ungeschlagenen Amerikaners mit geschmeidigen Meidbewegungen aus. Mit der Erfahrung von nunmehr 52 Profikämpfen (49 Siege, davon 35 durch K.o.) boxte er seinen Stiefel runter. Das war klasse!

Mitveranstalter Kalle Sauerland schwärmte: „Ich habe schon ein paar gute Leistungen von Jürgen gesehen, aber das war die beste.“ Auch Sarah Scheurich befand: „Das war Boxen vom Feinsten.“ Enttäuscht war die deutsche Vizemeisterin vom Publikum, das Brant beim Einmarsch gnadenlos auspfiff und lautstark buhte. „Das war einfach peinlich, das geht gar nicht“, meinte die Schwerinerin.

Brähmer, dessen Halbfinale nicht in Deutschland stattfinden wird, hat als Profi erst einmal im Ausland geboxt (2009 in Budapest). Am Anfang habe er „zu viel gewollt“, räumte er ein. „Als Trainer hätte ich geschimpft, aber manchmal gehen die Pferde mit einem durch.“

Seit fast 22 Monaten arbeitet Brähmer als Trainer. Er formte Tyron Zeuge zum Weltmeister, betreut mit Araik Marutjan, Denis Radovanund Timo Schwarzkopf drei weitere Talente.

Nun ist er als Profi zurück – und das ohne die Unterstützung seines Trainers Michael Timm, der zur Hochzeit seiner Tochter Julia (34) in Indien weilt. „Er wollte hierbleiben“, erzählte Brähmer. „Ich habe gesagt: ,Nein, fahr! Das mach ich allein.’“ Scherzend fügte er hinzu: „Mit 39 kann man schon mal allein aus dem Haus gehen.“ So gaben in der Ringecke der von Timm instruierte Konditionstrainer Stefan Förster (31) und Zeuge wertvolle Tipps.

Zeit, um seine Blessuren auszukurieren, bleibt Brähmer nicht. Schon heute kehrt er ins Gym zurück – als Trainer von Tyron Zeuge. Der 25-Jährige verteidigt am 2. Dezember in Potsdam seinen Titel gegen den Nigerianer Isaac Ekpo. Auf der Veranstaltung gibt auch Araik Marutjan sein Comeback.

Brähmer hat weiterhin Großes vor. Der Schweriner lässt ein altes Wasserwerk am Medeweger See zu einem hochmodernen Gymumbauen. Die Eröffnungsfeier soll noch dieses Jahr steigen. Auch mit lädierten Augen: Brähmer kann optimistisch in die Zukunft schauen.

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